Ich habe eine Freundin. Mir fehlt nichts.

Frau sitzt an einem Hafen in der Abendsonne, darüber der Text: Ich habe eine Freundin. Mir fehlt nichts.

Wenn ich erzähle, dass ich eine wirklich enge Freundin habe, kommt erstaunlich schnell dieses kleine Wort ins Spiel, obwohl es meistens gar nicht von mir stammt: nur. „Du hast nur eine Freundin?“ klingt dann ein bisschen so, als hätte ich gerade erzählt, dass bei mir zu Hause nur noch eine Tasse im Schrank steht und man sich langsam Gedanken machen sollte, ob ich nicht dringend ein paar neue besorgen möchte.

Dabei habe ich selbst das nie als Mangel empfunden, denn eine enge Freundin bedeutet schließlich nicht, dass mein Leben ansonsten menschenleer wäre. Ich kenne viele Menschen, habe Bekannte, Kontakte und Menschen, mit denen ich mich gern unterhalte oder lache, aber für mich ist eben nicht jeder Mensch, mit dem ich mich gut verstehe, automatisch eine Freundin. Vielleicht benutze ich dieses Wort einfach enger als andere, weil Freundschaft für mich mehr bedeutet als Sympathie, gemeinsame Zeit oder regelmäßigen Kontakt.

Ich sitze jedenfalls nicht zu Hause und denke darüber nach, wie viel vollständiger mein Leben wäre, wenn ich endlich noch vier weitere Freundinnen hätte, mit denen ich Kaffee trinken, Geburtstage feiern und Wochenendtrips organisieren könnte. Mir fehlt kein Freundeskreis, ich fühle mich nicht einsam und ich brauche keine bestimmte Anzahl von Menschen um mich herum, damit mein Leben von außen ausreichend gefüllt aussieht.

Vielleicht wirkt ein erfülltes soziales Leben nach außen oft einfach voller, mit großen Geburtstagsrunden, Freundinnen-Wochenenden, Gruppen-Chats, gemeinsamen Urlauben und Fotos, auf denen acht Menschen gleichzeitig glücklich in eine Kamera schauen, während ein kleiner enger Kreis wesentlich unspektakulärer daherkommt und deshalb schneller erklärungsbedürftig wirkt. Nur sagt die Anzahl der Menschen um uns herum erstaunlich wenig darüber aus, wie verbunden wir uns tatsächlich fühlen.

Meine Freundin ist zehn Jahre älter als ich, was unsere gelegentliche Theorie, wir seien eigentlich Zwillinge, biologisch zwar etwas schwierig macht, uns aber bisher nicht davon abgehalten hat, sie weiterhin für ziemlich überzeugend zu halten. Bei vielen Dingen denken wir so ähnlich, dass eine von uns häufig schon weiß, welchen Satz die andere gleich sagen wird, und manchmal reicht irgendein völlig bescheuertes Reel, das kommentarlos auf dem Handy auftaucht, damit sofort klar ist, dass die andere beim Anschauen wahrscheinlich genauso lachen wird.

Wir können uns längere Zeit kaum hören, und wenn wir dann telefonieren, kann aus einem kurzen „Ich wollte nur mal hören, wie es dir geht“ ziemlich problemlos ein halber Abend werden. Gerade das empfinde ich als angenehm, weil diese Freundschaft nicht ständig gepflegt werden muss, damit wir wissen, was sie ist, und weil Nähe für uns offenbar nicht daran hängt, wie viele Nachrichten innerhalb einer Woche verschickt wurden.

Natürlich sind wir trotzdem nicht in allem gleich, und besonders deutlich wird das beim Glauben, denn Gott und mein Glaube gehören ganz selbstverständlich zu meinem Leben, während meine Freundin dazu einen anderen Zugang hat. Das hat unsere Freundschaft allerdings nie kleiner gemacht, sondern zeigt mir eher, dass echte Nähe nicht bedeutet, bei allem dieselbe Meinung haben oder dieselben Dinge glauben zu müssen, solange man einander stehen lassen kann, ohne den anderen passend machen zu wollen.

Je älter ich werde, desto stärker merke ich allerdings auch, dass nicht automatisch mehr Menschen wirklich nah ins eigene Leben passen, nur weil man mehr Menschen kennenlernt. Vielleicht wird der Kreis sogar kleiner, weil man mit den Jahren genauer hinsieht und besser versteht, dass Sympathie allein noch keine Nähe macht.

Je länger man jemanden kennt, desto mehr sieht man schließlich nicht nur das, was nach außen gezeigt wird, sondern auch, wie ein Mensch handelt, wenn etwas unbequem wird, wie er über andere spricht, wenn diese nicht im Raum sind, wie er mit Grenzen umgeht und ob seine Worte am Ende zu seinem Verhalten passen. Manches erkennt man erst nach längerer Zeit, und manchmal merkt man dann ganz ohne großen Streit oder dramatischen Abschied, dass man jemanden zwar weiterhin mögen kann, ihn aber trotzdem nicht mehr so nah in seinem Leben haben möchte.

Früher hätte ich manche Verbindung vermutlich länger festgehalten, einfach weil sie nun einmal da war, während ich heute bewusster darauf achte, wem ich wirklich einen Platz in meinem inneren Kreis geben möchte. Das hat für mich nichts mit Aussortieren zu tun oder damit, sich für etwas Besseres zu halten, sondern eher damit, dass Nähe etwas Kostbares ist und nicht jeder Mensch, den man gernhat, automatisch denselben Platz bekommen muss.

Vielleicht ist genau das der Unterschied, den ich heute klarer sehe: Ich kann Menschen mögen, gern mit ihnen sprechen, sie regelmäßig sehen und trotzdem wissen, dass sie Bekannte sind und keine Freunde im engeren Sinn. Beides ist völlig in Ordnung, nur muss ich das eine nicht zum anderen erklären, damit mein Leben voller aussieht.

Es gibt Menschen, die einen großen Freundeskreis lieben und daraus viel Energie ziehen, und genauso gibt es Menschen, die viele Kontakte haben, aber nur sehr wenige davon tatsächlich Freunde nennen. Problematisch wird es vielleicht erst dann, wenn wir aus der Größe eines Freundeskreises automatisch ableiten, ob ein Mensch beliebt, einsam, schwierig oder erfüllt sein müsste.

Genau deshalb stört mich dieses kleine Wort nur inzwischen so sehr, denn es macht aus etwas Vollständigem nachträglich einen Mangel, den ich selbst überhaupt nicht empfinde.

Ich habe viele Menschen in meinem Leben, aber Freundin nenne ich eine.

Und mir fehlt nichts.