Ich habe in letzter Zeit öfter einen Gedanken, der mich nicht ganz in Ruhe lässt:
Ist das eigentlich noch mein Leben?
Nicht, weil alles schlecht wäre.
Vielleicht ist genau das der schwierigste Teil.
Ein Leben kann funktionieren. Man kann Termine haben, Verantwortung tragen, Dinge erledigen, für andere da sein und von außen betrachtet überhaupt keinen Grund haben, alles infrage zu stellen.
Und trotzdem kann irgendwann dieses leise Gefühl auftauchen, dass etwas nicht mehr stimmt.
Nicht dramatisch. Nicht immer erklärbar.
Nur da.
Ich bin 42. Und ich weiß vieles immer noch nicht.
Früher dachte ich, dass man irgendwann an einem Punkt ankommt, an dem man sein Leben verstanden hat.
Mit 20 vielleicht noch nicht. Mit 30 wahrscheinlich schon eher. Und irgendwann müsste man doch wissen, wer man ist, was man will und wie das alles funktioniert.
Heute bin ich 42 und denke manchmal: Was für eine merkwürdige Vorstellung.
Ich lebe schließlich auch zum ersten Mal.
Es gibt Dinge, über die ich heute vollkommen anders denke als noch vor zehn Jahren. Entscheidungen, die ich heute anders treffen würde. Grenzen, die ich früher nicht gezogen habe. Wünsche, die ich lange gar nicht ernst genommen habe.
Und ich weiß nicht einmal, ob ich in fünf Jahren noch genauso auf mein heutiges Leben schauen werde.
Das macht mich nicht orientierungslos.
Es macht mich nur vorsichtiger mit endgültigen Antworten.
Nicht jede Unruhe bedeutet, dass man alles verändern muss
Wenn etwas nicht mehr passt, ist die Versuchung groß, sofort eine Erklärung dafür zu finden.
Das hier ist falsch. Das muss weg. Ich muss nur mutiger sein. Ich muss endlich auf mich hören.
Aber so einfach empfinde ich es nicht.
Ich glaube nicht, dass jede Unzufriedenheit automatisch bedeutet, dass ich mein Leben umwerfen soll.
Und ich glaube auch nicht, dass jedes starke Gefühl automatisch die Wahrheit sagt.
Manchmal habe ich Angst und halte etwas deshalb fest.
Manchmal bin ich müde und möchte am liebsten alles loswerden.
Manchmal wünsche ich mir Veränderung, weil sie wirklich nötig ist.
Und manchmal weiß ich schlicht nicht, was davon gerade zutrifft.
Genau an diesem Punkt wird mein Glaube für mich wichtig.
Ich möchte mein Gefühl nicht zu meinem Gott machen
Es gibt diesen Satz: Man müsse nur auf sein Herz hören.
Ich weiß nicht, ob ich daran glaube.
Mein Herz kann mutig sein. Aber es kann auch verletzt, trotzig, ängstlich oder ungeduldig sein.
Deshalb möchte ich Entscheidungen nicht nur danach treffen, was sich in einem bestimmten Moment richtig anfühlt.
Ich nehme diese Fragen mit zu Gott.
Nicht immer mit schönen Gebeten. Nicht immer mit klaren Worten.
Manchmal ist es eher:
Gott, zeig mir, was ich gerade nicht sehe.
Halte mich davon ab, aus Angst zu bleiben.
Und halte mich genauso davon ab, aus Unruhe wegzulaufen.
Ich bekomme darauf nicht jedes Mal sofort eine Antwort.
Und genau das ist vielleicht der Punkt, den ich heute anders sehe als früher.
Glaube bedeutet für mich nicht, dass jede Unsicherheit verschwindet.
Glaube zeigt mir, wohin ich mit meiner Unsicherheit gehe.
Veränderung und Vertrauen schließen sich nicht aus
Lange hatte ich die Vorstellung, Vertrauen auf Gott müsse bedeuten, geduldig auszuhalten und nichts zu sehr infrage zu stellen.
Heute sehe ich das differenzierter.
Ich kann Gott vertrauen und trotzdem eine Grenze setzen.
Ich kann dankbar sein und trotzdem merken, dass etwas in meinem Leben nicht mehr zu mir passt.
Ich kann lieben und trotzdem Abstand brauchen.
Ich kann Angst haben und trotzdem einen neuen Weg beginnen.
Und ich kann eine Entscheidung treffen, obwohl ich nicht weiß, wohin sie mich in fünf Jahren führen wird.
Vertrauen bedeutet für mich nicht, passiv zu werden.
Es bedeutet auch nicht, jede Verantwortung an Gott abzugeben.
Ich muss meinen Teil tun.
Hinschauen. Ehrlich werden. Fehler eingestehen. Entscheidungen treffen. Konsequenzen tragen.
Aber ich muss nicht so tun, als könnte ich damit das ganze Ergebnis kontrollieren.
Vielleicht war genau das lange mein Problem
Ich wollte oft erst sicher sein.
Sicher, dass eine Entscheidung richtig ist.
Sicher, dass niemand enttäuscht ist.
Sicher, dass nichts schiefgeht.
Sicher, dass ich später nicht zurückblicke und denke: Das war ein Fehler.
Nur gibt es diese Sicherheit bei vielen wichtigen Dingen im Leben nicht.
Man kann alles durchdenken und sich trotzdem irren.
Man kann es gut meinen und trotzdem jemanden verletzen.
Man kann einen richtigen Schritt gehen und trotzdem eine schwierige Zeit erleben.
Und man kann an Gott glauben und trotzdem Fragen haben, auf die man keine Antwort kennt.
Vielleicht habe ich Vertrauen deshalb lange mit Gewissheit verwechselt.
Heute denke ich:
Wenn ich bereits über alles Gewissheit hätte, bräuchte ich kaum Vertrauen.
Mein Leben muss nicht so bleiben, nur weil es lange so war
Es gibt Dinge, an die man sich gewöhnt.
Rollen. Erwartungen. Abläufe. Beziehungen. Die Art, wie man mit sich selbst spricht. Die Vorstellung davon, was man eben zu tun hat.
Und Gewohnheit kann erstaunlich lange wie Wahrheit aussehen.
Bis man eines Tages merkt:
Nur weil etwas lange Teil meines Lebens war, muss es nicht für immer Teil meines Lebens bleiben.
Dieser Gedanke bedeutet für mich nicht, dass alles Alte schlecht war.
Ich muss meine Vergangenheit nicht verurteilen, um heute etwas anders zu machen.
Ich war damals die Frau, die ich damals sein konnte.
Heute sehe ich manches anders.
Das darf nebeneinander stehen.
Und was, wenn ich mich irre?
Diese Frage gehört für mich inzwischen genauso dazu.
Was, wenn ich heute etwas für richtig halte und später anders darüber denke?
Dann werde ich auch damit leben müssen.
Vielleicht werde ich mich korrigieren. Vielleicht um Vergebung bitten. Vielleicht etwas neu anfangen. Vielleicht verstehen, warum ein Umweg trotzdem Teil meines Weges war.
Ich möchte nicht mehr so tun, als müsste ich fehlerfrei entscheiden, um ein gutes Leben zu führen.
Ich möchte verantwortlich entscheiden.
Das ist etwas anderes.
Und ich glaube, dass Gott auch mit einem Menschen weitergehen kann, der nicht jede Abzweigung perfekt genommen hat.
Das beruhigt mich mehr als die Vorstellung, ich müsse mein Leben endlich vollständig im Griff haben.
Darum heißt dieser Ort „Auf dem Weg“
Ich möchte hier keine Antworten verteilen.
Ich weiß es selbst nicht besser.
Ich bin 42, denke über mein Leben nach und spreche manches davon einfach aus.
Manches wird unbequem sein. Manches widersprüchlich. Manches werde ich später vielleicht anders sehen.
Aber genau so fühlt sich Leben für mich gerade an.
Nicht angekommen.
Nicht verloren.
Auf dem Weg.
Und bei all den Fragen gibt es etwas, das für mich tiefer liegt als meine jeweilige Antwort:
Ich glaube an Gott.
Ich glaube nicht, dass deshalb alles gut ausgehen muss.
Ich glaube nicht, dass mir deshalb Leid, Fehler oder falsche Entscheidungen erspart bleiben.
Aber ich glaube, dass ich das alles nicht allein tragen muss.
Ich weiß nicht, wohin jede Veränderung führt. Ich weiß auch nicht immer sofort, ob ich gerade richtig liege.
Aber ich muss den ganzen Weg nicht kennen, bevor ich einen Schritt machen darf.
Ich kann hinschauen.
Ich kann Verantwortung übernehmen.
Ich kann beten.
Ich kann eine Entscheidung treffen.
Und das, was ich nicht kontrollieren kann, Gott überlassen.
Vielleicht fühlt sich mein Leben gerade deshalb wieder mehr nach meinem an – nicht weil ich plötzlich alles selbst bestimmen kann, sondern weil ich aufgehört habe zu glauben, ich müsste alles allein tragen.